Streiflicht auf die arabische Kinderliteratur
Die arabische Welt ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2004 - ein guter Anlass, einen Blick auf die arabische Kinderliteratur zu werfen. Petra Dünges, Übersetzerin aus dem Arabischen und Kennerin der Branchengegebenheiten, gibt einen Einblick in die arabische Kinderliteratur und beleuchtet auch den deutschen Markt im Hinblick auf Titel aus dem Arabischen.
Wie nicht anders zu erwarten sind Kinderbücher, die in arabischen Ländern erscheinen, üblicherweise in arabischer Sprache geschrieben. In Ländern des Maghreb wie etwa Marokko kann man jedoch auch französischsprachige Bücher finden. Dieser Artikel beschränkt sich auf Titel, die in Arabisch geschrieben oder bereits aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt wurden.
Die Kinderbuchbranche
Die Schwerpunkte der Verlagstätigkeit im Kinderbuchbereich liegen in Ägypten und dem Libanon. Insgesamt gibt es allerdings kaum Kinderbuchverlage. Eine bemerkenswerte Ausnahme war der inzwischen geschlossene palästinensische Verlag Dar Al-Fata Al-Arabi in Beirut und Kairo. Manche Literaturverlage haben jedoch umfangreiche Kinderbuchprogramme zu bieten.
Im Arabischen gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen der Hochsprache, die in allen arabischen Ländern verstanden wird, und der Umgangssprache, die von Land zu Land recht unterschiedlich sein kann. Die Hochsprache wird oft erst in der Schule erlernt, sie dient als Schriftsprache und wird vor allem bei formellen Anlässen benutzt. Bei der Kinderliteratur wird generell großen Wert auf Hocharabisch gelegt. Ausdrücke aus der Umgangssprache finden nur sehr selten Eingang in Kinderbücher. Comics können dagegen sogar ganz in der Umgangssprache geschrieben sein.
Deutsche Lizenzen im arabischen Raum
Man findet nur wenige Übersetzungen deutschsprachiger Texte ins Arabische. Die Märchen der Brüder Grimm sind zwar sehr beliebt, aber die neuere Kinder- und Jugendliteratur ist bislang kaum vertreten. Ein Kuriosum ist zum Beispiel eine zweisprachige arabisch-englische (!) Ausgabe von "Emil und die Detektive". Um deutsche Gegenwartsliteratur ins Ausland zu vermitteln, haben die Kulturstiftung des Bundes, das Goethe Institut und die Frankfurter Buchmesse das Internet-Projekt www.litrix.de ins Leben gerufen - und dieses Jahr stehen die arabischen Länder im Zentrum des Interesses, auch Kinderbücher sind vertreten.
Inhalte und Ausstattung
Bei der arabischen Kinderliteratur dominieren Bücher mit didaktischen Zielen. Zweckfreie Kinderbücher und Texte, die das Alltagsleben einbeziehen, sind selten. Viele Kinderbücher handeln von traditionellen Gegenständen. So werden Themen für Kinder häufig aus dem Koran oder dem Leben des Propheten Mohammed gegriffen. Auch die Anekdoten von Dschuha, dem arabischen Eulenspiegel, sind sehr beliebt. Von den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht gibt es zahlreiche Fassungen, ebenso von Kalila und Dimna, einem Zyklus ursprünglich indischer Fabeln aus dem Mittelalter. Diese Stoffe sind im ganzen Nahen Osten bekannt.
Für ältere Kinder wird nur wenig angeboten. Neben Sachbüchern gibt es hier Lebensbeschreibungen arabischer Wissenschaftler und Literaten aus dem Mittelalter. Negative Klischees gegenüber Juden sind nicht selten. In Bezug auf Israel propagieren einige Texte eine feindselige Haltung - im Extremfall werden Kinder zu Attentaten
auf Soldaten aufgefordert.
Die Ausstattung der Literatur für Kinder ist eher einfach, gebundene Bücher sind selten. Kürzere Texte werden oft in Reihen produziert. Dabei kann es sich durchaus um gute Inhalte mit interessanten Illustrationen handeln. Häufiger sind dünne Heftchen mit standardisierten Comic-Figuren. Die innere Logik der Geschichten lässt manchmal zu wünschen übrig.
Positive Entwicklung der arabischen Kinderliteratur
In letzter Zeit wandelt sich dieses Bild und Bücher werden mit mehr Liebe und Sorgfalt produziert. In Ägypten hat Suzanne Mubarak, die Frau des Staatspräsidenten, mit Literaturwettbewerben im Kinderbuchbereich viel bewirkt. So gibt es heute vermehrt Bücher mit hervorragenden Illustrationen, bei Texten wird mehr Wert auf lebendigen Stil gelegt. Ein sehr gutes Beispiel ist "Al-Amira Al-mazlouma" (dt.: "Die unterdrückte Prinzessin") von Radschi Anait (Dar Al-Shorouk, Illustrationen von Helmi El-Touni), ein ungewöhnliches Märchen von einer mutigen Prinzessin, die sich erfolgreich einem tyrannischen König entgegenstellt. Dieses Buch bekam 1982 auf der Leipziger Buchmesse eine Bronzemedaille für Layout und Design.
Bekannte Stoffe werden zunehmend in ansprechenden Ausgaben präsentiert. So findet man "hikaijat schaabija min misr" (Volksmärchen aus Ägypten) bei dem Verlag Dar Al-Fata Al-Arabi (Text: Abd al-Fattah al-Dschamal, Illustrationen von Ihab Schakir). Eine gute Fassung von "Kalila und Dimna" bietet The Arab Institute for Research and Publishing, Beirut (Text: Radschi Anait, Illustrationen von Bahdschat Othman). Die Texte von Abdelwahab Elmessiri verbinden Elemente aus europäischen und arabischen Themenkreisen auf phantasievolle Weise (Verlag: Dar Al-Shorouk). Sie wurden noch vor einigen Jahren von Verlagen abgelehnt, da sie angeblich keinen erkennbaren Nutzen für die jungen Leser hatten.
Internationale Anerkennung
Die arabische Kinderliteratur wird zunehmend auch international anerkannt. So wurden zwei Bücher der Libanesin Najla Nusayr Bashour über behinderte Kinder im Jahr 2001 mit einer Honourable Mention des UNESCO Prize for Children's and Young People's Literature in the Service of Tolerance ausgezeichnet (Beirut: Tala Establishment). Das Buch Agmal Al-Hekayat Al-Shaabeyya (dt.: Die schönsten Volksmärchen) von Yaacoub El-Sharouni (Text) und Helmy El-Touni (Illu.) erhielt 2002 den Bologna Ragazzi Award der Internationalen Kinderbuchmesse Bologna in der Kategorie New Horizons, (Kairo: Dar al-Shorouk). Der Illustrator Helmi El-Touni wurde 2004 für den Hans-Christian-Andersen-Preis des International Board on Books for Young People (IBBY) nominiert.
Arabische Kinderliteratur im deutschsprachigen Raum
Man muss zwar eine Weile suchen, um arabische Kinderbücher zu finden, die sich von ihrer Thematik her für eine Übersetzung ins Deutsche eignen. Aber die Mühe lohnt sich, wie Lesungen in Schulen und Kindergärten zeigen. Selbst zweisprachige Bücher sind unproblematisch, denn Kinder haben großes Interesse an der arabischen Schrift.
Leider haben Verlage und Buchhandlungen gegenüber arabischen Büchern nicht selten Vorbehalte. So bekomme ich öfter zu hören: "Das Buch ist sehr schön, wirkt aber zu fremd", oder sogar: "Das Buch ist zu arabisch". Sollten statt fremder, "zu arabischer" Bücher lieber bekannte, un-arabische aus dem Arabischen übersetzt werden?
Das mag ein Grund dafür sein, dass es bisher nur wenige Übersetzungen arabischer Kinderbücher ins Deutsche gibt. Bestimmte Verlage haben aber ein besonderes Augenmerk auf die Literatur dieser Länder. So führt z.B. der Kinderbuchfonds Baobab im Atlantis Verlag auch arabische Titel. 2004 erscheint z.B. eine Neuauflage von "Kater Ziku lebt gefährlich" von Emily Nasrallah. Das erschütternde Buch schildert die Schrecken des libanesischen Bürgerkrieges aus der Perspektive eines Katers. Der Verlag empfiehlt das Buch zwar auch für Kinder, aber ich würde es lieber in der Hand von Jugendlichen und Erwachsenen wissen. Ebenfalls bei Baobab zu haben ist "Das Notizbuch des Zeichners ". Der bedeutende ägyptische Illustrator Mohieddin Ellabbad erzählt in diesem zweisprachigen Buch auf sehr persönliche Weise von seinem Leben und seiner Kunst. Das Buch war 2003 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. 2004 erscheint bei Baobab von Tarik Bary die turbulente Internatsgeschichte "Der König der Dinge". Siehe www.baobabbooks.ch.
Der Verlag Edition Orient in Berlin hat ein spezielles Programm zweisprachiger arabisch-deutscher Kinderbücher mit namhaften Autoren aus Ägypten, Bahrain und Syrien und bekannten Illustratoren aus Ägypten und dem Jemen. Dort erscheint 2004 von Walid Taher "Mein neuer Freund, der Mond". Die illustrierte Geschichte handelt von einem kleinen Jungen, der abends mit dem Fahrrad allein nach Hause fährt und sich sehr darüber freut, dass er vom Mond scheinbar auf seinem Weg begleitet wird. Siehe www.edition-orient.de (Diese Website wird voraussichtlich im November 2004 eingerichtet).
Informationen rund um arabische Kinderliteratur
Bei der Suche nach arabischer Literatur muss man beachten, dass die Umschrift arabischer Namen in lateinische Buchstaben nicht einheitlich gehandhabt wird. Hier habe ich keine Vereinheitlichung versucht, sondern diejenigen Umschriften gewählt, die von den Verlagen selbst benutzt werden.
Die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika bietet eine Fülle aktueller Informationen zur Literatur aus dem Süden. Auch zur arabischen Kinderliteratur kann man hier fündig werden. Siehe www.litprom.de. Die Internationale Jugendbibliothek in Schloss Blutenburg in München hat eine kleine, aber wachsende Sammlung arabischer Kinder- und Jugendbücher. Siehe www.ijb.de. Und nicht zuletzt ist die Frankfurter Buchmesse eine exzellente Gelegenheit, arabische Literatur aus erster Hand kennen zu lernen. Erstmals sind dieses Jahr viele Bücher mit Inhaltsangaben in europäischen Sprachen versehen, einige wurden vorab ins Deutsche übersetzt.
Es bleibt zu hoffen, dass etliche Bücher ihren Weg zu deutschen Lesern finden.
Petra Dünges
Tarik Bary / Renate Schlicht (Cover): "Der König der Dinge", a. d. Arabischen v. Doris Kilias, Atlantis Verlag pro juventute 2004, 184 S., 14,90 EUR, ISBN 3-7152-0497-4
Mohieddin Ellabbad (Text u. Illu.): "Das Notizbuch des Zeichners", a. d. Arabischen v. Burgi Roos, Arabisch/Deutsch, Atlantis Verlag pro juventute 2002, 36 S., 13,- EUR, ISBN 3-7152-0473-7
Schwerpunkte:
Arabische Welt, Schwerpunkt Frankfurter Buchmesse 2004
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05.10.2004
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